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Niemand musste sich kümmern
9. Sep. 2026
Am Sonntag hat die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent geholt. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent, so hoch wie nie seit der Wiedervereinigung. Vor fünf Jahren waren es 60. Den größten Zuwachs holte die AfD bei früheren Nichtwählern, rund 170.000 Stimmen. Unter Arbeitern kam sie auf 61 Prozent.[1] Die CDU, die das Land seit 2002 ohne Unterbrechung regiert hatte, stürzte von 37 auf 17 Prozent ab.[2]
Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen und lebe seit 1981 in den USA. Das Ergebnis hat mich erschüttert. Überraschen hätte es mich nicht dürfen.
Die erste Erklärung, die jedem einfällt, ist die Armut. Die Leute verlieren ihre Arbeit, die Parteien hören nicht mehr zu, und jeder Rattenfänger findet Gehör. Am Sonntagabend habe ich selbst so gedacht. Aber so war es nicht.
Die Arbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt liegt bei 8,2 Prozent, bundesweit bei 6,5. Bremen hat 11,5, Berlin 10,6, Hamburg 8,6.[3] Nirgends dort kommt die AfD auf 44. Auch die Geschichte des Landes selbst gab keinen Hinweis darauf. 2003 erreichte die Arbeitslosigkeit dort mit 21,8 Prozent ihren Höchststand, der schlechteste Wert aller Bundesländer.[4] Das war Massenarbeitslosigkeit, jeder Fünfte ohne Arbeit. Das beste Ergebnis, das die extreme Rechte in jenen Jahren erzielte, war der Einzug der DVU in den Landtag 1998 mit 12,9 Prozent, und noch vor Ende der Wahlperiode war die Fraktion zerfallen.[5] Seit 2003 ist die Quote um dreizehn Punkte gesunken. Im selben Zeitraum kam die AfD aus dem Nichts auf 44.
Was dagegen ins Bild passt: Wer in Vollzeit arbeitet, verdient rund ein Fünftel weniger als im Bundesdurchschnitt. Das Durchschnittsalter liegt bei 48,3 Jahren, höher als in jedem anderen Bundesland. Die Statistiker des Landes rechnen damit, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 2019 und 2035 um ein Viertel schrumpft.[6] Das ist eine Gegend, die sich leert, weil die Jungen weggehen. Wer bleibt, erlebt, wie im selben Jahrzehnt die Arztpraxis, die Schule und die Bahnstrecke dichtmachen, und weiß, dass es noch schlimmer kommt.
Die Erklärung, die dazu passt, ist die, die ich von Anfang an gehört und als zu einfach abgetan hatte: Die Parteien, die diese Menschen regierten, haben sich nicht um sie gekümmert.
Am Sonntag standen drei Parteien mit einem Angebot zur Wahl. Die Linke war zwanzig Jahre lang die Protestpartei dieser Region und lag hier in den Nullerjahren bei über zwanzig Prozent.[7] Sie bot Schutz vor demselben Markt. Sie bekam 8,6 Prozent. Das BSW bot denselben Schutz, mit härterer Linie in der Migrationsfrage. Es bekam 5,3. Die AfD bekam 43,8. Alle drei sprachen dasselbe Gefühl an, im Stich gelassen worden zu sein. Die Wähler haben sich für die AfD entschieden, und zwar eindeutig.
Die Parteien, die den Osten nach 1990 regierten, waren Parteien aus dem Westen. Die CDU übernahm die Geschäftsstellen der alten Blockpartei, die SPD hatte gar keine.[8] Ihre Zentralen, ihr Geld und ihre Karrieren waren in Bonn und später in Berlin, und aus Sachsen-Anhalt reichte nichts bis dorthin. Das fängt 1990 an. Die Treuhand übernahm die volkseigenen Betriebe, rund 8.500 mit etwa vier Millionen Beschäftigten, und hatte sie bis Ende 1994 verkauft oder abgewickelt. Die Beschäftigung in diesen Betrieben sank auf rund anderthalb Millionen.[9] Auf Seiten der Arbeitnehmer gab es niemanden, der hätte dagegenhalten können. Der FDGB, der alte Staatsgewerkschaftsbund, löste sich am 30. September 1990 selbst auf.[10] Die SPD war 1946 mit der KPD zur SED zwangsvereinigt worden und hatte im Osten seit über vierzig Jahren nicht mehr existiert. Die einzige Massenpartei, die der Osten hatte, war die PDS, die Nachfolgerin der SED. Zwei Jahrzehnte lang hielt sie in diesem Land ein Fünftel der Stimmen und trug von 1994 bis 2002 die SPD-Minderheitsregierung in Magdeburg. Hier zählte sie. Im Bundestag zählte sie nie, denn keine Regierung hätte sie als Partner genommen, und eine Gewerkschaft stand nicht hinter ihr. Ihre Mitgliederzahl sank von etwa 280.000 im Jahr 1990 auf etwa 60.000 im Jahr 2006.[11] Das Milieu aus Kirche und Gewerkschaft, das das Ruhrgebiet geprägt hat, hatte hier kein Gegenstück. Die Rechtsformen des Westens wurden auf den Osten übertragen: Betriebsräte, Mitbestimmung. Aber die Organisationen, die diesen Strukturen im Westen ihr Gewicht gegeben hatten, hatten im Osten weder die Geschichte noch die Dichte.
Das Geld war da. Die Transfers von West nach Ost seit 1990 summieren sich auf rund anderthalb Billionen Euro.[12] Was Bonn und später Berlin folgenlos ignorieren konnten, war, was die Region selbst damit anfangen wollte. Niemand in Sachsen-Anhalt konnte dafür sorgen, dass dieses Ignorieren etwas kostete.
Die andere Version dieser Geschichte kenne ich, weil ich in ihr aufgewachsen bin. Das Ruhrgebiet hatte 1957 eine halbe Million Bergleute. Die letzte Zeche machte 2018 dicht.[13] Aber das Ruhrgebiet hatte die IG Bergbau und in jedem Stadtteil einen SPD-Ortsverein, und der Niedergang wurde über vierzig Jahre ausgehandelt, Zeche für Zeche, mit Anpassungsgeld, Umschulungen und vorgezogenem Ruhestand, und keine Zeche schloss ohne Sozialplan.[14] Am Ende lebt trotzdem ein Viertel der Erwachsenen in Gelsenkirchen von Sozialleistungen, dazu mehr als ein Drittel der Kinder, und die AfD ist eine ernstzunehmende Kraft in einer Stadt, die früher automatisch sozialdemokratisch wählte.[15] Im Ruhrgebiet erfuhr Bonn von der IG Bergbau und den SPD-Ortsvereinen, was die Region hinnehmen würde und was nicht, und richtete sich danach. In Sachsen-Anhalt gab es niemanden, von dem Bonn das hätte erfahren können.
Im Westen wurde der Ausgleich erkämpft. Die Arbeiter haben ihn, gestützt auf Gewerkschaften und Parteien, durchgesetzt. Im Osten kam das Geld aus dem Westen. Eigentum und Entscheidungsgewalt wanderten in die Gegenrichtung. Eine Region, die dreißig Jahre lang in dieser Lage gehalten wird, lernt nicht, einen größeren Anteil einzufordern, weil es niemanden gibt, über den sie ihn einfordern könnte. Was sie entwickelt, ist ein Verlangen nach Anerkennung und Selbstbestimmung. Die AfD hat verstanden, wie man dieses Verlangen organisiert.
Die AfD hat getan, was die etablierten Parteien versäumt hatten. Sie hat Strukturen aufgebaut. Zehn Jahre lang war sie beim Stammtisch, beim Dorffest, beim Bürgerabend, in Orten, in denen die SPD kein Büro hatte und die CDU sich nicht mehr blicken ließ.[16] Am Wahlabend sagte in ARD und ZDF ein Kommentator nach dem anderen dasselbe: Die AfD hat gewonnen, weil sie da war. Sie hat von rechts die Organisation aufgebaut, die der Westen dort nie aufgebaut hat. Die AfD hat Präsenz verkauft, und geliefert hatte sie die seit zehn Jahren.
Die Antwort der Mitte auf diese Aufbauarbeit war die Brandmauer. Im Westen konnte die Mitte sich mit der AfD über Organisationen auseinandersetzen, die die Menschen erreichten: Gewerkschaften, Ortsvereine, Kirchen. Im Osten blieb der Mitte nur das eine Werkzeug, das sie hatte: eine Brandmauer gegen eine Partei, die sie als Gefahr für die freiheitliche demokratische Grundordnung ansah.[17] Vom Osten aus heißt das Bevormundung, und ein politisches Establishment, das den Leuten erklärt, welche Partei nicht legitim ist, kennt diese Region schon, von einer Regierung, die sich per Dekret für antifaschistisch erklärt hatte. Die Brandmauer war Ersatz für eine Gegenmacht, die die Mitte dort nicht hatte. Am Sonntag, bei 44 Prozent und 78 Prozent Wahlbeteiligung, wurde dieser Ersatz auf die Probe gestellt. Tino Chrupalla hat es an dem Abend in der ARD gesagt: Die Brandmauer ist abgewählt.[18]
Ich habe schon einmal geschrieben, dass die AfD, wie der Brexit und Le Pen, die Rechnung dafür ist, dass jahrzehntelang mit Migration ein Wachstumsproblem übertüncht wurde, das niemand beim Namen nennen wollte. Auf nationaler Ebene halte ich das nach wie vor für richtig. Für Sachsen-Anhalt reicht diese Erklärung allein aber nicht. Der Ausländeranteil liegt dort bei 7,9 Prozent gegenüber 14,9 bundesweit, einer der niedrigsten Werte im Land, und im Osten ist die AfD dort am stärksten, wo die wenigsten Migranten leben.[19] Wenn ein Groll nicht an den Verhältnissen vor Ort hängt, kommt Politik, die diese Verhältnisse ändert, bei ihm nicht an. Der Groll gilt der Arztpraxis, der Schule und der Bahnstrecke. Migration ist nur das Wort, das die Leute dafür haben.
Ich bin Westdeutscher, 1981 ausgewandert, und schreibe aus Minneapolis über eine ostdeutsche Wahl. Das ist doppelter Abstand, und ich würde den Leuten in Magdeburg nicht erklären wollen, was sie gemeint haben. Aber der Mechanismus erklärt, wie es so weit kommen konnte.
Bismarck hat das 1883 verstanden. Er führte die Krankenversicherung für Arbeiter ein, weil die Sozialisten organisiert genug waren, dass es teurer gewesen wäre, sie nicht einzuführen. Zugeständnisse gibt es, wenn es mehr kostet, Menschen zu ignorieren, als sie ernst zu nehmen. Dreißig Jahre lang musste niemand Sachsen-Anhalt ernst nehmen. Am Sonntag sind 170.000 Menschen, die mit dem Wählen aufgehört hatten, zurückgekommen und haben die Rechnung präsentiert. Wer aufhört zu wählen, kann wiederkommen. Wer dann da ist, ist noch offen.
Quellen
[1] Infratest dimap für die ARD, Wählerwanderung und Nachwahlbefragung, 6. September 2026, via Tagesspiegel. Nettogewinn von früheren Nichtwählern etwa 170.000; 61 Prozent der Arbeiter.
[2] Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt, vorläufiges amtliches Endergebnis, Landtagswahl 6. September 2026, nach Tagesspiegel, 7. September 2026. AfD 43,8, CDU 17,2 (2021: 37,1), SPD 9,3, Grüne 8,9, Linke 8,6, BSW 5,3; Wahlbeteiligung 77,8 (2021: 60,3).
[3] Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt im August 2026, sowie die August-Pressemitteilungen der Regionaldirektionen für Sachsen-Anhalt, Bremen, Berlin und Hamburg.
[4] Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt, 25 Jahre Sachsen-Anhalt: Arbeitslosigkeit, 2015.
[5] Landtagswahl Sachsen-Anhalt, 26. April 1998: DVU 12,9 Prozent, 16 Sitze. Die Fraktion spaltete sich im Februar 2000.
[6] Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt, 7. Regionalisierte Bevölkerungsprognose, Altersgruppe 20 bis 66, 2019 bis 2035. Durchschnittsalter nach Destatis, 2024. Verdienste: Bruttojahresverdienste Vollzeit 2025, Destatis und Statistisches Landesamt.
[7] PDS in Sachsen-Anhalt: 19,9 Prozent (1994), 19,6 (1998), 20,4 (2002), 24,1 (2006), 23,7 (2011, als Die Linke). Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt.
[8] Die Ost-CDU ging auf dem Hamburger Parteitag am 1. und 2. Oktober 1990 in der West-CDU auf. Die SDP wurde am 7. Oktober 1989 in Schwante gegründet und baute ihre Ortsvereine aus dem Nichts auf; Friedrich-Ebert-Stiftung, Erinnerungsorte der Sozialdemokratie.
[9] Marcus Böick, Treuhandanstalt und Wirtschaftsumbau, Bundeszentrale für politische Bildung, 2020.
[10] Freier Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB), Bundeszentrale für politische Bildung, 2021. Die DGB-Gewerkschaften entschieden sich, im Osten neu aufzubauen, statt FDGB-Strukturen zu übernehmen. SPD und KPD wurden am 21. und 22. April 1946 zur SED vereinigt.
[11] Bundeszentrale für politische Bildung, Mitgliederentwicklung der Parteien: etwa 281.000 Ende 1990, bis Ende 2006 fast vier Fünftel verloren. Die Magdeburger Minderheitsregierung unter Reinhard Höppner wurde von 1994 bis 2002 von der PDS toleriert.
[12] Bruttotransfers von West nach Ost, Die Kosten und Erträge der Wiedervereinigung Deutschlands, Bundeszentrale für politische Bildung: über 1,5 Billionen Euro bis 2011 (DIW), geschätzt 1,72 Billionen bis 2016; etwa 1,4 Billionen netto nach Abzug der Rückflüsse.
[13] Statistik der Kohlenwirtschaft, Gesamtbelegschaft nach Revieren 1945 bis 2018: Belegschaft im Ruhrrevier 495.847 Ende 1957, 3.371 Ende 2018. Prosper-Haniel schloss am 21. Dezember 2018.
[14] Carmen Molitor, Kollektiver Kraftakt, Magazin Mitbestimmung, Hans-Böckler-Stiftung, September 2015: Anpassungsgeld, Transfers und Umschulung im Rahmen der RAG-Sozialpläne; „niemand fiel ins Bergfreie".
[15] Gelsenkirchen: SGB-II-Quote der Bevölkerung unter dem Rentenalter 23,3 Prozent Ende 2024, bei den unter 18-Jährigen 36,4 Prozent (Ende 2024) und 34,6 Prozent (Ende 2025), der höchste Wert aller deutschen Kreise; BIAJ nach Daten der Bundesagentur für Arbeit. AfD 24,7 Prozent der Zweitstimmen in Gelsenkirchen bei der Bundestagswahl 2025, stärkste Partei; Bundeswahlleiterin. Die SPD hielt den Wahlkreis seit 1949 und holte von den 1970er bis in die 1990er Jahre 55 bis 66 Prozent der Erststimmen.
[16] Knut Bergmann, Matthias Diermeier, Jan Engler und Melinda Fremerey, Lokale Präsenz von Parteien: ein Ost-West-Gefälle?, IW-Kurzbericht 42, Institut der deutschen Wirtschaft, 7. Mai 2025: Von 9.337 im Jahr 2023 gezählten Parteibüros liegen etwa 90 Prozent der CDU- und SPD-Büros im Westen; die AfD hat etwa 45 Prozent ihrer Büros im Osten, wo sie 17 Prozent aller Parteibüros stellt, gegenüber 3 Prozent im Westen. Zur ländlichen Organisationsstrategie der AfD: Euronews, 7. April 2026, zum Papier „ländliche Raumnahme": Stammtische, Osterfeuer, Infostände, dann feste Zentren.
[17] Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt stufte den Landesverband der AfD am 7. November 2023 als „gesichert rechtsextremistisch" ein. Die Bundeseinstufung vom 2. Mai 2025 ist bis zum Hauptsacheverfahren ausgesetzt; VG Köln, Pressemitteilung, 26. Februar 2026.
[18] Tino Chrupalla in der ARD, Wahlabend, 6. September 2026; Wortlaut bestätigt durch Euronews, 7. September 2026.
[19] Ausländeranteil 7,9 Prozent Ende 2025, Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt; Deutschland 14,9 Prozent. Marcel Fratzscher, Sachsen-Anhalt zeigt das AfD-Paradox, DIW aktuell 121, 24. Juli 2026: In Ostdeutschland gehen höhere AfD-Anteile mit niedrigeren Ausländeranteilen einher.