Werner Glinka

KI ARBEIT KULTUR

Frankfort im September

4. Okt. 2026

Zum zweiten Mal sind wir jetzt an diesen Abschnitt des Lake Michigan gekommen, um eine Freundin aus Kalifornien zu treffen. Sie ist hier aufgewachsen. Ihr Bruder und seine Frau stoßen dazu. Die beiden haben eine Zeit lang in New Mexico gelebt und sind dann zurückgekommen. Letztes Jahr waren wir in Glen Arbor. Dieses Jahr ist es Frankfort. An diesem Ufer gibt es viele kleine Orte, die einen Besuch lohnen. Unsere Freundin kommt jedes Jahr wieder, vor allem wegen des Kunstfestivals in Interlochen. Dieses Jahr wurde das Festival um eine Woche verschoben, wir verpassen es also. Bleiben der Ort und der See.

Frankfort liegt am Lake Michigan, an der Westseite der nördlichen Hälfte der unteren Halbinsel. Vom Strand führt eine lange Mole hinaus zu einem kleinen Leuchtturm am Ende des Wellenbrechers.

An unserem ersten ganzen Tag bin ich bis ans Ende hinausgelaufen. Meine Frau kam ein Stück mit. Es waren um die 17 Grad, und die Sonne schien. Es war still. Ab und zu rief ein Vogel. Ein Boot fuhr zwischen den Molen herein. Etwa dreißig Meter vor dem Leuchtturm blieb ich stehen und schaute zurück auf den Ort und die Sanddünen dahinter. In diesem Licht hätte es das Mittelmeer sein können. Der Sand ist hier feiner als der, den ich aus Nordkalifornien in Erinnerung habe.

Dieses Wasser ist ruhiger als der Pazifik, aber es macht dasselbe mit mir. Ich schwimme nicht und habe es auch nicht vor. Ich will nur in seiner Nähe sein. Warum, habe ich nie sagen können.

Hinter dem Leuchtturm angelte ein Mann. Er zeigte mir zwei Lachse, die er gefangen hatte, und er war stolz auf sie. Er ist aus Michigan und kommt ein paar Mal im Jahr herauf. Er mag diese Jahreszeit, weil die Sommergäste weg sind und ihn niemand stört. Er erzählte mir, wie er die Lachse am Nachmittag zubereiten würde, fast ein vollständiges Rezept. Wir redeten ein paar Minuten, dann ging ich weiter.

Auf dem Rückweg sah ich neben der Mole einen großen Schwarm kleiner Fische im Wasser. Der Angler hatte mir gesagt, dass die Lachse genau die fressen. Ich stand ein gutes Stück über dem Wasser, und unsere Schatten fielen darauf. Der Schwarm wich den Schatten aus. Wo immer sie hinfielen, machten die Fische Platz.

Am Nachmittag besorgten wir uns Fahrräder und fuhren auf dem Betsie Valley Trail nach Beulah, am Ostende des Crystal Lake. Ich hatte seit etwa einem Jahr nicht mehr auf einem Rad gesessen. Der Strand von Beulah war leer, bis auf ein, zwei Leute. Im Hochsommer muss er überfüllt sein. Am Weg sah ich ein Fleckchen Schachtelhalm, eine Pflanze, von der mir jemand gesagt hat, sie sei uralt und wachse auf nassem Boden. Hier hätte ich sie nicht erwartet.

Hin und zurück waren es etwa zwanzig Meilen, gut dreißig Kilometer. Danach trank ich auf der Veranda ein Radler, und meine Beine ließen mich wissen, was ich getan hatte. Ich habe jetzt ein anderes Paar Beine, eher aus Pudding.

Von der Veranda schauen wir über die Straße auf einen kleinen Park an der Betsie Bay. Dort stehen ein hohes Kreuz und eine staatliche Gedenktafel für Pater Jacques Marquette, den französischen Jesuitenmissionar und Entdecker. Auf der Tafel steht, er sei 1675 an diesem Ufer gestorben. Viele amerikanische Orte haben kaum eigene Geschichte, deshalb zählt so etwas hier mehr. Ich sage das als jemand, der in einer Stadt mit fast tausend Jahren Geschichte aufgewachsen ist.

Am nächsten Morgen schaute ich auf den See hinaus. Die Wellen waren hoch. Am Tag zuvor war das Wasser ruhig gewesen. Jetzt gab es eine Warnung vor hohem Wellengang.

An unserem zweiten Abend gingen wir noch einmal zum Leuchtturm hinaus. Diesmal waren viele Angler da. Sie sagten uns, die Lachse ziehen. Letztes Jahr habe ich Lachse in den Bächen gesehen, auf dem Weg stromaufwärts. Im Herbst verlassen die großen Lachse den offenen See und schwimmen die Flüsse hinauf, um zu laichen.

Unsere Freundin kommt immer wieder hierher, und ihre Familie auch. Ich kann das verstehen. Ins Ruhrgebiet würde ich nicht zurückfahren, um es mir anzusehen. Ein bisschen neidisch bin ich schon.