Werner Glinka

KI ARBEIT KULTUR

Ein Talisman gegen Faschismus — Im Loring Park

18. Apr 2026

Ich bin in Gelsenkirchen aufgewachsen, mitten im Kohlenpott, umgeben von einer Industriewelt, die im Sterben lag. Zechen machten dicht, die Hochöfen wurden stillgelegt, und ganzen Straßenzügen gingen einfach die Lichter aus. Ich hab mit eigenen Augen gesehen, was passiert, wenn man ganzen Vierteln die Beine wegzieht. Die Leute verlieren ja nicht nur ihren Job. Sie verlieren die Orte, wo man sich trifft – die Kneipen, die Taubenzüchtervereine, die Ecken, wo man einfach noch unter Leuten ist. Wenn diese Läden dichtmachen, kriecht was Giftiges in die Lücke: Frust, Misstrauen gegen alles, was fremd ist, und die billige Lüge, dass irgendwer anders an allem schuld ist.

Ich lebe seit den 1980er Jahren in den Vereinigten Staaten — lange genug, um zu wissen, dass dieses Muster nicht auf das Ruhrgebiet beschränkt ist. Es wiederholt sich gerade hier, genau jetzt, verstärkt von Politikern, die ganz genau wissen, dass man verängstigte Leute, die isoliert sind, am leichtesten aufhetzen kann. Die Hetze gegen Einwanderer, die Angriffe auf alles, was nach Diversität oder Inklusion riecht, die Verachtung für Viertel, die sich trauen, mehrsprachig, bunt und offen zu sein — all das soll die Leute voneinander trennen. Teile und herrsche ist keine Metapher. Es ist eine Strategie.

Ich schreibe das hier, weil ich ein Gegenmittel gefunden habe. Keine Theorie, kein Positionspapier — einen echten Ort, an dem die Strategie versagt.

Eine Volkshochschule in Minneapolis

Center for Peopel and Art

Das Center for People and Craft ist eine neue urbane Volkshochschule im Viertel Loring Park in Minneapolis, untergebracht im Bildungsgebäude der St. Mark's Episcopal Cathedral. Es öffnete Ende 2025 seine Türen, unterstützt durch einen Vibrant Storefronts Award des Arts and Cultural Affairs Department der Stadt Minneapolis. Die Gründungsdirektorin Anna Lindall ist Pädagogin und Kulturorganisatorin; zuvor gründete sie die Free Forest School, eine Basisinitiative, die zu einer landesweiten gemeinnützigen Organisation für über 70.000 Familien heranwuchs.

Die Vision des Centers wurzelt in einem konkreten historischen Modell: der dänischen Volkshochschule, der folkehøjskole, die N.F.S. Grundtvig in den 1850er Jahren entwickelte. Dänemark befand sich im Übergang von der Monarchie zur Demokratie, und Grundtvig erkannte, dass das Land mehr brauchte als politische Strukturen — es brauchte eine Kultur, die sie tragen konnte. Seine Volkshochschulen lehnten Nationalismus ab. Stattdessen förderten sie, was er folkelighed nannte — in etwa „Volksverbundenheit" — einen Stolz auf die eigene Kultur, Sprache und Geschichten, ohne dass daraus ein Überlegenheitsgefühl wurde. Das Volkshochschulmodell war, in den Worten des Centers, „ein Talisman gegen Faschismus."

Dieser Satz sollte einen innehalten lassen — bei mir hat er's jedenfalls. Denn hier sind wir, fast zwei Jahrhunderte später, und der Bedarf an diesem Talisman ist nicht verschwunden. Wenn überhaupt, ist er dringlicher geworden.

Was dort passiert

Man muss sich bloß das Kursangebot anschauen, dann kapiert man auch ohne viel Gerede, was das Center macht:

Mazinigwaadan — Ojibwe-Perlenarbeit. Sashiko — traditionelle japanische Stickerei. Milagros Mexicanos. Kolrosing — nordische Messerschnitzerei. Appalachian Clogging. Tamales als gemeinschaftliche Mahlzeit. Weidenkorbflechten. Naturfärben mit Ringelblumen. Ein Kurs namens „Pockets, Patches and the Politics of Keeping Things."

Mazinigwaadan

Mazinigwaadan — Ojibwe beadwork

Diese Traditionen stammen von verschiedenen Kontinenten, aus verschiedenen Jahrhunderten, aus verschiedenen Umständen. Aber in den Räumen des Centers sitzen sie nebeneinander. Eine Ojibwe-Perlenarbeit-Lehrerin und ein skandinavischer Schnitzlehrer teilen sich dasselbe Gebäude, und ihre Schüler begegnen sich auf dem Flur. Niemand füllt einen Diversitätsfragebogen aus. Niemand besucht ein Sensibilisierungstraining. Die Leute sitzen einfach nebeneinander, machen was mit den Händen und kriegen nebenbei mit, wo der andere herkommt.

So sieht echte interkulturelle Verbindung aus. Nicht das Corporate-DEI, das zur Steilvorlage für rechten Spott geworden ist – diese Art von Alibi-Politik, die Menschen nur noch wie Häkchen auf einer Checkliste behandelt. Einfach von Mensch zu Mensch. Da wird angepackt. Man lernt die Tradition eines anderen kennen, und auf einmal ist der kein Begriff mehr, sondern ein Mensch. Nicht mehr „der Einwanderer" oder „der Andere." Sondern die Frau, die einem gezeigt hat, wie man die Nadel hält.

Warum das jetzt wichtig ist

Wir leben in einer politischen Zeit, die von Vereinzelung geprägt ist. MAGA-Rhetorik funktioniert am besten, wenn die Leute ihre Nachbarn nicht wirklich kennen, wenn die Nachbarschaft so kaputt ist, dass die Angst in die Lücken kriechen kann. Die Hetze gegen Einwanderer, das Einstampfen von DEI-Programmen, das Zusammenstreichen von Kunst- und Kulturförderung — nichts davon ist zufällig. Das ist ein gezielter Angriff auf genau die Orte, an denen Leute merken, dass sie mehr gemeinsam haben, als man ihnen erzählt hat.

Das Center for People and Craft ist ein direktes Gegengewicht zu diesem Angriff. Nicht weil es politisch wäre — das ist es nicht, jedenfalls nicht im parteilichen Sinne. Es ist ein Gegengewicht, weil es das eine tut, was autoritäre Bewegungen nicht überleben können: Es bringt Leute zusammen, ohne Hierarchie, ohne Zugangsbarrieren, ohne dass jemand einen ideologischen Test bestehen muss. Man schaut vorbei. Man macht was. Man teilt eine Mahlzeit, die von lokalen, von Einwanderern geführten Restaurants zubereitet wurde. Man hilft mit, einen gemeinsamen Arbeitstisch zu schleifen und fertigzustellen. Das war's. Das ist die Revolution.

carving

Grundtvig hat das in den 1850er Jahren verstanden. Anna Lindall versteht es heute. Das Volkshochschulmodell funktioniert, weil es das eigentliche Problem angeht, nicht die Symptome. Das eigentliche Problem ist nicht, dass die Leute sich über Politik streiten. Es ist, dass sie die Ecken verloren haben, wo man einfach mal unter Leuten ist und zusammen was auf die Beine stellt. Da entstehen Bindungen, die kein Hetzer so leicht kaputtkriegen kann.

Zwischen zwei Welten

Ich habe mein Kunstatelier im Center. Ich arbeite dort ehrenamtlich. Ich bin einer, der zwischen zwei Welten lebt: dem Deutschland, aus dem ich komme, und dem Amerika, in das ich ausgewandert bin. Auch beruflich bin ich ständig zwischen Disziplinen gesprungen — vom Ingenieurwesen über Marketing und Webentwicklung bis zur Bildhauerei. Ich weiß schon, was das heißt, mehrere Identitäten mit sich rumzuschleppen — und zu merken, dass die Orte, wo die alle zusammenpassen, viel zu selten sind.

Das Center ist so ein Ort. Wenn ich an einer Assemblage arbeite — industrielle Metallbänder, Altholz, die Materialien des Ruhrgebiets, neu gedacht in Minneapolis — bin ich nur ein paar Räume entfernt von jemandem, der Ojibwe-Perlenarbeit lernt, oder jemandem, der Sashiko-Muster stickt, oder jemandem, der einen Weidenkorb formt. Im Kern machen wir alle dasselbe: Wir machen was mit den Händen, hängen uns an eine Tradition dran, sind mit anderen zusammen. Die Unterschiede zwischen uns sind echt und man sollte sie würdigen. Aber in diesem Gebäude sind sie keine Barrieren.

Anna Lindall hat darüber gesprochen, dass das Aufkommen von KI ein weiterer Grund sei, warum das Center gerade jetzt gebraucht wird — dass wir weiter mit unseren Händen arbeiten müssen, unsere kulturellen Traditionen lebendig halten, selbst denken. Ich hab schon viel über die wirtschaftlichen Folgen von KI geschrieben und teile ihre Sorge. Aber was mich am Center am meisten berührt, ist simpler. Es ist ein Ort, wo man mal von der Arbeit hochschaut und jemand anderen sieht, der ebenfalls hochschaut, und man nickt, und vielleicht fragt man, woran der andere arbeitet, und ein Gespräch kommt in Gang, das es sonst im eigenen Leben nicht gäbe.

Das ist keine Kleinigkeit. In einem Land, das gezielt gespalten wird, nach Herkunft, Ethnie, Sprache und Abstammung, ist es vielleicht das Wichtigste überhaupt.

Von Hand gebaut

Das Center for People and Craft ist keine etablierte Institution. Getragen wird es von Freiwilligen, finanziert von der Nachbarschaft, und es wird immer noch Geld gesammelt für Werkzeug und Möbel. Am 501(c)(3)-Status als gemeinnützige Organisation wird noch gearbeitet. Das Gebäude selbst haben die Leute geputzt, gestrichen und eingerichtet, die an das glauben, was da mal draus werden kann. Die Arbeitstische haben Leute aus der Nachbarschaft gebaut.

Das passt irgendwie. Eine Volkshochschule sollte so aufgebaut werden, wie Volkstraditionen weitergegeben werden — von Mensch zu Mensch, von Hand zu Hand, ohne auf eine Erlaubnis von oben zu warten. Das Center gibt's, weil Leute beschlossen haben, dass es das geben soll — und dann angepackt haben, damit auch was draus wird.

Wer in Minneapolis ist: Komm vorbei. Nimm an einem Kurs teil. Hilf ehrenamtlich mit. Bring ein Gericht zum nächsten Potluck mit. Wer nicht in Minneapolis ist: Überleg mal, wie eine Volkshochschule in deiner eigenen Umgebung aussehen könnte. Das Modell ist fast zweihundert Jahre alt, und es funktioniert noch immer, weil sich das menschliche Bedürfnis, das es anspricht — sich zu versammeln, etwas zu schaffen, voneinander zu lernen, ohne Angst — nicht ändert.

Grundtvig erdachte seine Volkshochschulen als Bollwerk gegen den Autoritarismus seiner Zeit. Wir müssen unsere gegen den Autoritarismus unserer eigenen Zeit bauen.


Das Center for People and Craft befindet sich in der 519 Oak Grove Street, Minneapolis, MN 55403, direkt neben dem Loring Park. Mehr unter peopleandcraft.org oder auf Instagram unter @centerforpeopleandcraft.