Werner Glinka

KUNST

Die Formen, die bleiben

4. Mär. 2026

In Die andere Seite der Dinge habe ich über die Rückkehr ins Atelier nach zehn Jahren Pause geschrieben. Was mich überrascht hat: Manches war offenbar nie weg.

Ich habe mir alte Arbeiten aus den Nullerjahren angeschaut - Sachen, die in meinem Atelier in den Santa Cruz Mountains entstanden sind - und dabei was bemerkt, das ich nie bewusst gewählt hatte. Dieselben Formen tauchen immer wieder auf: Kreise und gerade Seiten mit Halbkreisen oben und unten, wie eine Rennbahn oder eine langgestreckte Null, ich nenne es die Stadionform.

Hier ein Stück von 2007. Maschendraht, in Streifen geschnitten, zu kleinen Röhren gerollt und zu dieser Stadionform auf dunklem Grund gelegt.

Und hier eins von 2005 - ein Kreis aus Redwood-Stöcken, mit einem roten Keil, der in die Form einbricht. Wer genau hinschaut, findet einen einzelnen Stock mit blauer Mitte - eine leise Störung, die man erst beim zweiten Blick sieht.

Ich habe nie beschlossen: Das werden meine Formen. Die sind einfach immer wieder aufgetaucht. Die Hände haben gemacht, was sie machen wollten, und erst jetzt, im Rückblick, sehe ich das Muster.

Woher kommt das?

Aufgewachsen bin ich in Gelsenkirchen. Ruhrgebiet: Zechen, Stahlwerke, Smogalarm. Aber wer aus Gelsenkirchen kommt, der kennt noch was anderes: Schalke 04.

Schalke, gegründet 1904, als Gelsenkirchen rund um die Kohlenindustrie aufgebaut wurde. Das Stadion war das Herz der Stadt. Erst die Glückauf-Kampfbahn, dann das Parkstadion, wo ich als Kind auf der Tribüne stand, jetzt die Veltins-Arena. Diese Form - das langgestreckte Oval, gerade Seiten, die sich an jedem Ende zu Halbkreisen wölben - das war nicht einfach Architektur. Da kamen 70.000 Leute zusammen. Da gehörte man zu was Größerem. Da fand eine Arbeiterstadt ihre Identität.

Glück auf - der Bergmannsgruß, der sichere Rückkehr aus dem Schacht wünscht - wurde zum Schlachtruf des Vereins. Stadion und Zeche, dasselbe Gebet.

Wenn ich also diese Stadionform aus Maschendraht oder laminierter Pappe baue, dann geht es nicht um irgendeine abstrakte Wertschätzung von Industrieästhetik. Ich greife nach was Konkretem: der Form, die für mich Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Zuhause bedeutet hat. Das steckt mir in den Knochen. Ich hab die Form nicht gewählt. Sie hat mich gewählt.

Der Kreis hat sein eigenes Gewicht. Ganzheit, Vollendung, die endlose Wiederkehr. Die Geometrie von Schwungrädern und Zahnrädern - industrielle Formen, klar, aber auch uralt und universell. Vielleicht habe ich diese Formen aufgesogen wie eine Muttersprache - ohne Unterricht, einfach weil ich drin aufgewachsen bin.

Was mich jetzt interessiert: Nach all den Jahren ohne Atelier setzen sich dieselben Formen wieder durch. Aber anders.

Die neuen Stücke sind aus laminierter Pappe, beschichtet mit Pappmaché-Ton. Sie haben echte Tiefe - zehn Zentimeter - verglichen mit den früheren flachen Assemblagen. Die Formen sind dieselben, aber sie drängen jetzt in die dritte Dimension. Mehr Volumen, mehr Präsenz.

Bei den alten Maschendraht-Stücken ging es um Anhäufung - viele kleine gerollte Einheiten nebeneinander. Bei der Pappe geht es ums Schichten und ums Herausarbeiten von Negativraum. Andere Prozesse, selbes Ziel.

Das Stadionstück, an dem ich gerade arbeite, ist etwa 25 mal 45 Zentimeter und 10 Zentimeter tief. Der Kreis wird ungefähr 60 Zentimeter Durchmesser haben, mit einer 15-Zentimeter-Öffnung in der Mitte. Beide sollen an die Wand, aber durch die Tiefe werfen sie Schatten und nehmen Raum ein - ganz anders als die früheren Arbeiten.

Wie die Oberfläche am Ende aussieht, weiß ich noch nicht. Die alten Stücke hatten Farbeingriffe - ein roter Keil, ein blaues Element - kleine Störungen, die die Monotonie brechen. Ob die neuen Stücke das auch brauchen? Keine Ahnung. Zur Arbeit gehört, nicht alles vorher festzulegen. Was ich morgen sehe, kann die Richtung komplett ändern.

Was ich weiß: Diese Formen werden mich nicht verlassen. Die waren vor zwanzig Jahren da, die sind jetzt da, und die werden wahrscheinlich immer wieder auftauchen, solange ich in Atelier arbeite.

Glück auf.