KUNST
Die Boote, die mich fanden
6. Mär. 2026
Die Stadionform kam aus Gelsenkirchen - von Schalke, direkt aus der Industrie-Ästhetik des Potts. Aber eine andere Form fand mich in Kalifornien, und die kam vom Wasser.
Ich bin jahrelang im Princeton Harbor rumgestromert, einem Arbeitshafen an der Küste von Half Moon Bay. Meine Frau surfte am Pillar Point. Wir aßen bei Barbara's Fish Trap, einem rot gestrichenen Laden direkt am Wasser, und liefen danach durch den Hafen, während der Nachmittagsnebel reinkam.

So ein Arbeitshafen zeigt einem Boote in jedem Zustand. Manche kommen mit dem Fang rein, manche werden geschabt und gestrichen, manche verrotten auf Hinterhöfen. Und manche sind bis aufs Skelett abgetragen - die Beplankung weg, nur noch Kiel und Rippen. Ein Bootsgerippe sieht aus wie ein Fischgerippe. Wirbelsäule und Knochen, alles freigelegt.

Die Form hat sich mir eingeprägt, genau wie die Stadionform in Gelsenkirchen - nicht durch Entscheidung, sondern durch wiederholtes Sehen. Irgendwann habe ich angefangen, Boote aus Stöcken und Draht zu bauen. Nicht geplant, es ist einfach geblieben.

Dieses Stück streckt ein Bootsskelett aus Redwood-Stöcken über drei Tafeln, quer über eine dunkelrote Fläche. Das Boot will nicht in einem einzelnen Rahmen bleiben. Es ist unterwegs.

Hier dasselbe weitergedacht - zwei Tafeln, das Boot überbrückt die Lücke dazwischen. Das Rot ist dicker, fleischiger. Die gelben Rechtecke und das kleine Gitterfeld unterbrechen den Fluss, so wie der einzelne blaue Stock Jahre vorher den Kreis aus Redwood-Stöcken unterbrochen hat. Kleinigkeiten, die alles lebendig halten.
Das Geäst in diesen Stücken ist Redwood, gesammelt nach Stürmen auf Kings Mountain in der Santa-Cruz-Kette. Nach einem richtigen Sturm waren die Straßen übersät mit abgebrochenen Ästen, die äußere Rinde aufgeplatzt und leicht abzuziehen. Ich hab die nackten inneren Stöcke gesammelt und im Atelier gehortet.

Dieses Triptychon: drei Tafeln, drei Boote, dieselbe Form, verschiedene Materialien. Die linke Tafel - inzwischen in der Sammlung des Peninsula Museum of Art - hat verwitterte Stahlbänder unten und runde Dübel oben, zusammengehalten von einer Wirbelsäule aus rostigem Draht. Das mittlere ist schwarz gestrichene Kiefer, das dichteste der drei. Das rechte: Redwood-Stöcke unten, rostiger Zaundraht oben.


Drei Boote, drei Materialsprachen, drei Stufen der Durchlässigkeit. Die Drahtversion ist fast nur Luft. Die Dübelversion halboffen. Die schwarze Kiefer nahezu massiv. Zusammen liest sich das wie eine Reihe - ob Richtung Aufbau oder Verfall, das bleibt dem Betrachter überlassen.
Der Rost war genauso wichtig wie die Form. Rostige Stahlbänder, rostiger Zaundraht, die Patina des Alters auf allem. Das erinnerte mich an was.
Im Ruhrpott aufwachsen hieß: Rost überall. Die aufgegebenen Fördertürme, die stillgelegten Stahlwerke, die Infrastruktur einer Industrie im Niedergang. Ich fand das damals nicht schön. Das war halt einfach der Vibe meiner Kindheit - pur und ungeschönt. Aber als ich Jahrzehnte später im Princeton Harbor rumlief und dieselben Farben an den Fischerbooten und alten Geräten sah, verband sich was. Die kalifornische Küste gab mir ein Stück Heimat zurück, von dem ich nicht wusste, dass ich es suchte.
Und dann war Schluss. So gehts im Leben - Karriere, Umzug nach Minnesota. Ich hab das Atelier in Kalifornien dichtgemacht. Die Redwood-Stöcke blieben in Kalifornien. Der rostige Zaundraht von Kings Mountain, die Stahlbänder - alles zurückgelassen oder verloren.
Die Boot-Objekte, die ich behalten habe, sind ein abgeschlossenes Kapitel. Mehr wird es mit diesen Materialien nicht geben. Das Triptychon im Museum wird mich überdauern. Die zwei, die ich noch habe - zu viele Erinnerungen, um sie herzugeben.
Jetzt arbeite ich in Minneapolis, mit Pappe und Pappmaché-Ton. Andere Materialien, andere Landschaft. Die Stadt bietet keine Sturmtrümmer und runtergefallenen Zäune wie die Berge. Aber die Formen bleiben - die Stadionform, der Kreis, und irgendwann vielleicht wieder das Boot. Gebaut aus dem, was Minneapolis mir gibt.