KUNST
Die andere Seite der Dinge
3. Feb. 2026
Angefangen hat es in den Santa Cruz Mountains. Ich war spazieren, nicht weit von zu Hause, und da lag ein Madrone-Blatt auf dem Boden. Es ging schon ein - gelb und grün, überall kleine schwarze Flecken von irgendeiner Krankheit - und es war einfach schön. Ich dachte: „Das muss gerahmt werden." So fing das an.

Aufgewachsen bin ich in Gelsenkirchen. Ruhrgebiet: Zechen, Stahlwerke, Smogalarm. Mein Vater war Bergmann. Für Museen war kein Geld da. Aber gebaut habe ich immer - Körbe geflochten und gemalt in der Jugendgruppe, dann Lehre als Elektriker, dann Elektrotechnik studiert. Im Grunde war ich immer Künstler. Nur das Wort hätte ich nie benutzt.
Als ich 1981 nach Kalifornien kam, habe ich jahrelang Drahtskulpturen gemacht, aber es wurde nichts Richtiges draus. Erst die Santa Cruz Mountains haben das geändert. Die Natur dort, die Gemeinschaft der Leute auf dem Berg, viele davon selbst Künstler - irgendwas hat gezündet. Und das Madrone-Blatt war der Einstieg.
Meine Arbeiten kamen aus zwei Richtungen, die Industrielandschaft meiner Kindheit und der vom Bauhaus geprägte Minimalismus. Metallbänder von Baustellen neben gepressten Blättern. Rostiger Zaundraht neben Flusssteinen. Diese Spannung zwischen dem Industriellen und dem Organischen - das wurde der Kern.
Die Arbeit zeigen
In den folgenden zehn Jahren habe ich meine Werke in der San Francosco Peninsula ausgestellt, in den Stanford Art Spaces, im Mountain View Center for the Performing Arts, im Deutschen Generalkonsulat in San Francisco, beim Artfest im Triton Museum, in Galerien in Sausalito und San Jose. Meine Arbeiten sind in Privatsammlungen in den USA, Japan und Europa gelandet.

Dann kam das Leben dazwischen. Karriere, ein Umzug nach Minnesota, der ganz normale Alltagswahnsinn. Das Atelier wurde stillgelegt. Jahrelang habe ich nichts gemacht.
Zurückkommen
Ich dachte, das war's. Dann schrieb mir eine Freundin über ihren eigenen kreativen Prozess, und irgendetwas rührte sich wieder. Dieses Bedürfnis, Dinge zu machen - dachte ich, hätte sich mit mir zur Ruhe gesetzt. Hatte es aber nicht. Es war immer noch da.
Vor kurzem habe ich ein Atelier gefunden, im Center for People and Craft - eine Art Volkshochschule im Loring-Park-Viertel, angelehnt an die dänische Folkehøjskole-Tradition: Gemeinschaft, Handwerk, generationsübergreifendes Lernen. Genau der richtige Ort, um wieder anzufangen.
Jetzt experimentiere ich mit Materialien, die normalerweise keiner mit ernster Kunst verbindet. Pappe. Pappmaché-Ton. Sachen aus dem Baumarkt. Die rauen Kanten und die Oberfläche von Wellpappe - wie die auf Licht reagiert, das finde ich spannend. Es geht darum, einfache Materialien ernst zu nehmen. Rauszufinden, was sie können. Was sie werden wollen.

Zwei Sachen, ein Denken
Beim Schreiben fällt mir auf, wie ähnlich ich an Webentwicklung und an Kunst herangehe. Beides hat mit Beschränkungen zu tun. Beides setzt auf Einfachheit statt Komplexität. In meiner Metalsmith-Serie habe ich für die Plattform plädiert - Webtechnologien statt Framework-Abstraktionen, Stabilität statt ständigem Hype. Im Atelier verwende ich gefundene Materialien und lasse sichtbar, was das Material mitbringt, statt es zu kaschieren.
Und dann ist da noch die Sache mit den Komponenten. Eine Metalsmith-Seite baut sich aus Bausteinen zusammen: Hero, Textblock, Medien, Call-to-Action. Eine Assemblage ordnet Elemente an - Metall, Holz, Stein, Blatt. Beides ist Komposition: Beziehungen finden zwischen den Teilen.
Gut, vielleicht ist das etwas weit hergeholt. Vielleicht sind es einfach zwei Sachen, die ich mache. Aber der Antrieb fühlt sich gleich an: aus Einzelteilen etwas zu bauen was harmoniert, ehrlich bleiben, sich selbst nicht in den Weg stellen.