Atelier-Notizen
Die Klammern bleiben
Gegenüber von unserem Eisenwarenladen steht ein hölzerner Strommast, den das ganze Viertel als Schwarzes Brett benutzt. Die Leute tackern dort ihre Zettel an: entlaufene Katzen, Garagenflohmärkte, Gitarrenunterricht, Zimmer zu vermieten. Nach ein, zwei Wochen werden die Zettel wieder abgenommen, oder der Regen holt sie. Die Tackerklammern bleiben.

Nach all den Jahren ist der Mast damit übersät. Manche glänzen noch neu, die meisten sind längst in der Farbe des Holzes verrostet. Manche sitzen gerade, manche wurden umgebogen, als jemand einen Zettel abriss, manche stecken nur halb im Holz. Dazwischen ein paar Dachpappnägel, der Kopf einer Reißzwecke, eine Schraube. Jemand hat ein Band um den Mast getackert, auf dem steht: „Please post no bills“ (Plakate ankleben verboten). Auch das wird von Klammern gehalten.
Ich habe mir das Muster immer wieder angesehen. Völlig zufällig, niemand hat es geplant. Jede Klammer steht für einen Menschen, der eine Nachricht aufgehängt hat, und die Nachricht ist fort. Geblieben ist der Beleg, dass jemand etwas zu sagen hatte.

Diese Arbeit besteht aus geschichtetem Karton, dunkel beschichtet, die gewellten Kanten nach außen gekehrt, sodass die Oberfläche wie die Maserung des alten Masts wirkt. Durch die Mitte läuft ein hellerer Streifen, und dort sitzen die Klammern. Oben sind es wenige, als kleine Kreuze gesetzt. Weiter unten werden sie dichter und verstreuter, in verschiedenen Winkeln verbogen, so wie sie sich am Mast in der Höhe häufen, die man mit der Hand erreicht.
Kurz vor dem oberen Ende springt die Form zurück und lässt einen Absatz frei, und darauf liegt ein Stein.